Uhrentrends
Schichtuhren
2011. május 25.
Das Interesse der Industrie und auch das der Kunden scheint sich von den komplizierten Sportuhren, die während ihrer Entwicklung zu schön großen und durchaus kräftigen Kerlen herangewachsenen sind, abzuwenden. Die neue Herausforderung liegt in der feinen, zierlichen, zurückhaltenden aber doch edlen Eleganz.
Die zuerst in den 1920-er Jahren, in der Kollektion von Vacheron Constantin erschienenen, bis zum geht nicht mehr vereinfachten, federleichten, flachen Uhren verschwanden eigentlich nie endgültig aus dem Sortiment. Diese waren die direkten Nachkommen der letzten brillanten Entwicklung des Taschenuhrzeitalters - der der ultra-flachen Taschenuhren. Schön waren doch die Art Déco Taschenuhren - alle für sich ein wunderschöner Schwanengesang der Epoche. Am Anfang des XX. Jahrhunderts war für Uhrenhersteller in der schweizerischen Uhrenindustrie schon bzw. noch der Kauf und Gebrauch von Ébauches selbstverständlich. Die angeschafften, gerade von den Maschinen kommende, beinahe nur skizzenhafte Rohwerke wurden in den Werkstätten verfeinert, umgebaut, perfektioniert und natürlich veredelt. Das große Dreiergespann von Vacheron Constantin, Patek Philippe und Audemars Piguet - und hierbei fällt die Reihenfolge mit der zeitgenössischen Anerkennung genau überein - bezogen alle Ihre Werke von der LeCoultre Manufaktur, heute Jaeger-LeCoultre, und die Beziehung zwischen diesen Häusern ist bis heute mehr oder weniger intakt. Doch waren es nicht nur die drei, die aus verständlichen Gründen die einzigartigen LeCoultre Werke benutzen - Cartier und Breguet gehörten auch dazu. Die Technologie war nämlich bei LeCoultre vorhanden, da die Manufaktur schon 1903 ihr Kaliber 145, das flachste und komplizierteste Taschenuhrwerk aller Zeiten angefertigt hat. Die geniale 145 diente in den nachkommenden über 50 Jahren als Basis zahlreicher komplizierten Taschenuhrwerke, und die Komplikationen der erwähnten Häusern hatten all diese Konstruktion von LeCoultre zu Grunde.
Die Armbanduhren, die in ziemlich kurzer Zeit in Mode kamen, fingen an ganz schnell auch komplizierter zu werden: Funktionen, die einst bei den Taschenuhren üblich waren, kamen auch hier nacheinander zum Einsatz. Genau wie heute, schenkte man der nackten Schönheit der einfacheren Uhren auch damals weniger Interesse, und nur die am meisten konservativen Marken vergasen diese Linie nicht.
Nach dem Weltkrieg blieb bei Jaeger-LeCoultre neben der Memovox, der Futurematic und anderen Neuheiten zum Glück noch genügend Energie die Familie der ultra-flachen Werke weiterzuentwickeln.
Vacheron Constantin fertigte noch 1955-ben die „Extra Flat”, die flachste Uhr der Welt an. Das Kaliber 1003 hatte schon einen ähnlichen Vorfahren, die 9 Linien kleine Jaeger-LeCoultre Calibre ML Konstruktion aus 1946. Die Jaeger-LeCoultre 803 , auch unter den Namen Vacheron 1003 bekannt, erschien dann 1953, und war mit einer Höhe von nur 1,68 Millimetern fantastisch flach. Später, 1964 versah dann die Grande Maison das Werk mit einer Stoßsicherung, die Höhe stieg aber lediglich auf 1,85 Millimeter. Bis heute dient der Nachfolger dieses Werkes, die 849, welche ihre Endgültige Form 1994 bekam, in den ultra-flachen Armbanduhren von Jaeger-LeCoultre, während Vacheron bei der flacheren, früheren Variante blieb. Diese 1003 wurde also zum Anlass des 200 Jahre Jubiläums von Vacheron Constantin 1955 in der „Extra Flat” Uhr verbaut, und auch heute, 55 Jahren später greifen sie zu dieser zurück. Die Neuheit von Vacheron fürs Jahr 2010 , die „Historiques Ultra-fine 1955” ist genau wie sein Vorfahr die flachste, im Handel erhältliche mechanische Armbanduhr der Welt. Das Kaliber 1003 hat sich scheinbar nicht viel verändert, doch die geringen Abweichungen sind tatsächlich für große Unterschiede verantwortlich. Erstens bekam die Unruh ein stoßsicheres Kugellager, doch der Durchmesser musste nicht erhöht werden, und zweitens ist das ganze Werk aus Gold. Nein, nicht nur goldenfarbig oder vergoldet, sondern in der Tat ganz aus Gold angefertigt. Dies ist äußerst selten, doch diese Uhr, die „Historiques Ultra-fine 1955” hat es verdient, das auch ihr Werk aus einem Edelmetall hergestellt wird. Die Uhr hat einen Durchmesser von 36 Millimeter, und eine Höhe von nur 4,1 - ein Weltrekord. Sie ist eine durchaus edles, zierliches Stück, und damit sie sich nicht einsam fühlt, bekommt sie auch einen Begleiter.
Vacheron Constantin hat auch das legendäre Modell von 1968 für 2010 wieder nachgebaut. Es ist die „Historiques Ultra-fine 1968”, in dem ebenfalls eine legendäres, in diesem Fall aber automatisches Kaliber, die 1120 verbaut wurde. Auch dies kommt von Jaeger-LeCoultre, und ist ebenfalls ein Prachtstück. Dieses allererstes, ultra-flaches Automatikwerk, die 920, hat die Manufaktur aus Le Sentier 1967 vorgestellt, der Welt wurde es aber unter einem anderen Namen bekannt. Diese Kaliber wurden nämlich nicht in Jaeger-LeCoultre Uhren verbaut, in Gegenteil, die Grande Maison hat dieses Werk bei ihren Uhren nie benutzt. Das oben benannte Dreiergespann hat dieses Werk für sich entdeckt. Dies ist das einzige Werk, das sowohl Vacheron Constantin (VC1120), als auch Patek Philippe (PP 28-255) und auch Audemars Piguet (AP 2120) gleichzeitig benutzt hat. Wie erwähnt ist es ein Automatik Werk, und das die Höhe trotzdem nur 2,45 Millimeter beträgt ist einem speziellem Rotor zu verdanken, dessen Durchmesser größer ist als der des Werkes, und ist mit einer Lagerung am Rand des Werkes versehen. Der Rotor ist mit einem Ring verbaut, welcher das ganze Werk umfasst, und dessen innere Seite mit Zähnen versehen ist, die wiederum mit dem, am Rand des Werkes befindlichen ersten Rad gekoppelt sind. Die Uhr wird aufgezogen wenn die Masse des Rotors den Ring, welcher auf der Innenseite die Zähne hat, in Bewegung setzt, der dann dies ans Rad am Rande des Werks weiterleitet. Die "genial flache" 1120 ist subtil und präzise, und ähnelt sehr dem 5,5 Millimeter hohen, leicht gewölbten, eckigen Gehäuse der "Historiques Ultra-fine 1968", welche sowohl außen, wie auch innen eine zeitgenössische Rarität verkörpert und Uhrliebhaber, die die unkomplizierte Perfektion zu schätzen wissen und es sich auch leisten können, anspricht.
Wie schon oben erwähnt, war die Suche nach der einfachen Perfektion schon zur Zeiten der Taschenuhren präsent, und seither haben natürlich nicht nur diese edlen, ultra-flachen Vacheron Uhren das Tageslicht erblickt. Die 20 Dollar Münzuhr von Corum, mit einer Werkhöhe von 1,73 Millimetern sollte auch nicht vergessen werden, und selbstverständlich muss man auch Piaget erwähnen, die unter der Leitung von Gérald Piaget, des Uhrengenies der dritten Generation der Uhrmacherfamilie auch mit hervorragenden ultra-flachen Uhren vorrückte. Das 2 Millimeter hohe Handaufzugkaliber 9P erschien 1956, für Aufsehen sorgte allerdings 1960 das Automatikwerk mit Mikrorotor, die 12P, mit 2,3 Millimeter Höhe, welches das flachste Automatikkaliber seiner Zeit war. Piaget blieb auch trotz des Quarz-Zeitalters im Spiel. Das 7P hatte eine Höhe von 3,1 Millimetern, konnte aber auch trotzdem Rekorde brechen. Dem folgte das 8P mit nur 2 Millimetern, welches dünner war, als die zu dieser Zeit erhältlichen flachsten Batterien für Uhren. Dies konnte nur noch vom Riesen der Uhrenindustrie, der Ébauches SA mit dem Spitzenstück des Quarz-Zeitalters, der Delirium Tremens überflügelt, bzw. unterboten werden. Den Namen bekam diese Uhr auf eine eigenartige Weise: der Ausdruck sehr dünn, auf Französisch très mince, wurde phonetisch ins Englische übertragen. Wie dünn war sie? Sehr dünn! Sie war lediglich 1,98 Millimeter hoch, und die Rede ist hier von der Uhr selbst, nicht nur vom Werk. Die revolutionäre Technologie - im Gehäuse hat das Werk selbst kein eigenständiges Gerüst, das Gehäuse erfüllt diese Aufgabe - erwies sich als Wegweisend, und wird z.B. bei Swatch Uhren auch heute noch angewandt.
Inzwischen verbaute Piaget in seine Handaufzuguhren die von Jean Lassale konstruierte, Guinness Rekorde brechende Kaliber 20P, welches nur 1,2 Millimeter hoch war, während das Automatikwerk genau auf 2 Millimeter kam. Nach dem Konkurs von Lassale gelang der Name zu Seiko, die Herstellung der Werke zu Lemania. Solange Piaget selbstständig war und nicht in die Cartier-Vendome Gruppe eingegliedert wurde, also ziemlich lange, belieferte Lemania ausschließlich Piaget mit diesem Kaliber, später dann auch Vacheron Constantin. In den Lassale-Werken wurden die konventionellen Steinlager auf Grund der Forschungen von Robert Annen weggelassen, sogar ein Großteil der Brücken musste weichen, so wurden die Räder in die Kugellagern der Grundplatine gesetzt. Das Jean Lassale Kaliber 1200, welches bei Piaget als 20P bezeichnet wurde, hatte z.B. - die Hebsteine auch mitgerechnet - nur 9 Steine, aber 14 Kugellager, die Variante von Lemania, die 1210 hatte allerdings auch nur 11 Steine. Die von Lassale entwickelte Technologie verlangte neue und teure Investitionen, und obwohl die Kaliber für sehr viel Geld weiterverkauft wurden, hielt es die Firma nicht lange aus. Die Kunden, die bereit waren hohen Summen zu zahlen, mussten auch große Kompromisse eingehen, da sich die Uhren als sehr empfindlich, sehr fragil erwiesen.
Es ist nur all zu verständlich, dass Piaget nicht auf die Lassale Epoche, sonder viel eher auf die Jahre des selbst entwickelten Kalibers 12P stolz ist. Aus diesem Grund auch hat Piaget zum 50 jährigem Jubiläum zwei neue, ultra-flache Altiplano Uhren lanciert, in ihnen die modernisierten Nachfolger des Kalibers 12P, das 1200P und das 1208P. Der Schwachpunkt des ehemaligen 12P stellt die geringe und unberechenbare Gangreserve dar, die aus der ungenügenden Effizienz des damaligen Selbstaufzugs herrührt, und musste selbstverständlich im neuen Kaliber ausgebessert werden. Im sichtlich modernisiertem Kaliber sorgt ein Rotor aus Platin oder 22 Karat Gold für den Aufzug der verlängerten Feder, welches eine besonders leichte Unruh durch ein noch präziseres Räderwerk antreibt. Die Höhe des gründlich umdachten Werkes blieb unverändert bei 2,35 Millimetern, ist also mit dem Originalen identisch. Somit kann sich Piaget erneut als Hersteller des flachsten Automatikwerkes der Welt behaupten. Hiermit wurden auch selbstverständlich die Piaget Altiplanos mit einer Höhe von 5,25 Millimetern zu den flachsten Uhren der Welt in ihrer Kategorie. Das 1200P mit Platinum Rotor ist die Jubiläumsvariante und wird nur 235 mal gefertigt, die Stückzahl der Goldvariante, die abgesehen vom Werkstoff des Rotors in allem identisch ist, ist aber unbegrenzt. Letzteres ist dank des Sekundenzeigers bei 4 Uhr leicht zu erkennen, da diese von der Jubiläumsvariante fehlt.
Die Werke von Jaeger-LeCoultre wurden schon so oft erwähnt, dass es unwürdig wäre, wenn wir kein einziges Wort über die ultra-flachen Uhren der Grande Maison verlieren würden. Vor allem da sich das Interesse von der seit 1994 erhältlichen, 34 Millimeter großen Master Ultra Thin, wegen der Mode der stets wachsenden Armbanduhren, sich in eine andere Richtung wendet, obwohl diese Uhr ein echter moderner Klassiker ist. Nicht nur das Werk folgte nämlich den wechselnden Ansprüchen, sondern auch das Gehäuse, welches bis 5 bar wasserdicht ist. Wie bekannt, war dies von einer so flachen Uhr früher noch unvorstellbar. Klar ist auch, dass der Zeitgeist eine größere Master Ultra Thin forderte, somit erschienen 2010 gleich zwei. Die Master Ultra Thin 38 beherbergt das selbe Kaliber 849, wie die etwas kleinere Variante - welche sicherheitshalber immer noch erhältlich ist, während die Master Grande Ultra Thin schon eine Automatik ist. Der Durchmesser der Variante mit Handaufzug ist im dessen Namen zu lesen, also 38 Millimeter, die Automatik kommt auf 40. Die 38-er, die Handaufzugvariante ist zwar größer, wird allerdings dem Stil des Vorgängers ganz und gar gerecht. Trotz der zusätzlichen 4 Millimeter konnte es ausreichend zurückhaltend bleiben, und mit einer Höhe von 6,31 Millimetern ist sie immer noch flach. Die größere, Automatikvariante kann man nicht mehr als ultra-flach bezeichnen, obwohl die 8,62 Millimeter Höhe zu dem 40 Millimeter Durchmesser besonders schön passt. Zu beiden Neuheiten wurde auch eine entsprechend feine Schließe angefertigt, was zeigt, dass Jaeger-LeCoultre diese Uhren auch zum Alltag empfiehlt und für sie nicht nur die Welt der feinen gesellschaftlichen Zusammenkünfte vorsieht.
Leider konnten wir hier nur einen Bruchteil aus dem Klub der lange vernachlässigten, aber nie vergessen ultra-flachen mechanischen Uhren vorstellen. Es handelt sich hier um einen exklusiven Klub mit ehrwürdigen Traditionen, in dem hineinzugelangen schwer ist, doch welcher - das Angebot der Genfer Messe vom vorigen und vom aktuellen Jahr vor Augen haltend - bald mit neuen, durchaus ehrenwerten Mitgliedern wachsen wird. Auch andere große Manufakturen, wie Audemars Piguet und auch Cartier beschäftigen sich erneut mit diesem Thema, und sogar Parmigiani, welcher die außerordentlichen Bugatti Uhren herstellt und von ganz anderen Sachen bekannt ist, macht mit. Also wird es auch in der nächsten Ausgabe was über die neuen ultra-flachen Wunderuhren zu lesen geben.
O.G./V.E.

















